Mein Werdegang – etwas ausführlicher
Manchmal fragen mich Freunde und Bekannte, was ich eigentlich beruflich mache, was ich gelernt habe und wie ich dort gelandet bin, wo ich heute stehe.
Da ich gerade im Flugzeug Richtung Antalya sitze und mich ein wenig langweile, dachte ich mir, dass dies eine gute Gelegenheit wäre, mich endlich einmal um meine eigene Website zu kümmern. Das hatte ich mir ohnehin schon seit längerer Zeit vorgenommen.
Also nutze ich die Zeit über den Wolken, um meine Website technisch und inhaltlich auf den neuesten Stand zu bringen und dabei auch ein wenig über mich selbst zu erzählen.
Hier also mein Werdegang. Etwas ausführlicher, als man ihn normalerweise bei einer Tasse Kaffee erzählen würde.
Studium und Risikomanagement
Ich habe an der FH Wiesbaden Business Administration for Banking and Insurance studiert, also BWL mit den Schwerpunkten Bankwirtschaftslehre und Risk Management, und mein Studium innerhalb der Regelstudienzeit abgeschlossen. Betreut wurde meine Diplomarbeit von Prof. Dr. Krüger, der auch im Vorstand verschiedener deutscher Privatbanken tätig war.
Für diesen Studiengang hatte ich mich eigentlich nur wegen des Lehrstuhls von Prof. Dr. Müller-Reichart entschieden. Ich fand das sehr interessant. Der Studiengang wurde, wenn ich nicht falsch liege, von einigen Bank- und Versicherungskonzernen mitinitiiert, mit dem Ziel, Fachpersonal für die ansässigen Unternehmen zu rekrutieren.
Nebenbei gefiel mir Wiesbaden. Da ich nicht wusste, ob ich das Vordiplom überstehen würde, bin ich anfangs noch hingependelt. Später zog ich komplett nach Wiesbaden um und verbrachte über drei Jahre dort.
Warum ich die Regelstudienzeit ausdrücklich erwähne?
Weil das damals tatsächlich ein wichtiges Erfolgskriterium war. Zumindest wurde es uns so vermittelt. Unser damaliger Dekan, Prof. Dr. Weinberg, machte ziemlich unmissverständlich klar, dass ein Studium außerhalb der Regelstudienzeit die späteren Karrierechancen erheblich verschlechtern würde.
Ich erinnere mich noch gut an den voll besetzten Hörsaal mit über 200 Kommilitonen. Dann stand man so da, und der Konkurrenzdruck war förmlich zu spüren. Jeder wollte vorankommen, jeder wollte zu den Besten gehören, und allen war klar, dass es nicht jeder bis zum Abschluss schaffen würde.
Und ich? Ich nahm den Wettbewerb natürlich an.
Vor allem war ich diesmal ganz alleine auf mich gestellt. Vor und nach meinem Abitur hing ich mit meinem besten Freund Christian rum, und die Freundschaft war mir sehr wichtig. Christian ging nach Kroatien, um Fischer zu werden. Dort hatten wir unsere Sommer immer an der dalmatinischen Küste verbracht. Ich hingegen fokussierte mich auf meine Karriere, beginnend mit dem Studium in Wiesbaden.
Ich muss offen zugestehen, dass ich zu dieser Zeit von nichts eine Ahnung hatte. Ich gehörte zu den Ersten aus meiner Familie, die einen akademischen Grad anpeilten, und hatte entsprechend ohne vorherige Vorbereitung losgelegt.
Ich hatte mir fest vorgenommen, das Studium erfolgreich und möglichst ohne Umwege abzuschließen, immer auch mit dem Motto: Bloß keine Blöße geben und das Ding hier durchziehen. Später schauen wir weiter.
Auf jeden Fall haben mich, wie gesagt, die Lehrveranstaltungen von Prof. Dr. Müller-Reichart im Bereich Risikomanagement besonders geprägt. Er war damals neben seiner akademischen Tätigkeit auch als Juwelier in Würzburg tätig.
Wir hatten anfangs etwas gemeinsam: Wir pendelten nach Wiesbaden, und dafür gehörte schon eine gewisse Eigendisziplin und -organisation dazu. Ich war zumindest in meiner Planung frei und fand es trotzdem bemerkenswert, wie er seine unterschiedlichen beruflichen Verpflichtungen miteinander vereinbarte. Er war stets pünktlich, hervorragend organisiert und bestens vorbereitet.
Für mich waren seine Vorlesungen mit Abstand die interessantesten und anspruchsvollsten des gesamten Studiums. Alles andere war, etwas überspitzt formuliert, mehr oder weniger beherrschbare Betriebswirtschaftslehre.
Hier sprach aber einer, der sehr intelligent war und einem auch konkret vermittelte, worauf es in den Branchen ankommt. Er war nebenbei noch Berater vieler Finanzkonzerne.
Mich interessierte fachlich vor allem die quantitative Betrachtung finanzieller Risiken. Anfangs habe ich das alles nicht verstanden und wollte es dann natürlich erst recht wissen. Das hat mich etwas Zeit gekostet.
Ich beschäftigte mich mit Risikomodellen und Monte-Carlo-Simulationen, bei denen deterministische Annahmen mit stochastischen Einflussgrößen kombiniert und eine große Zahl möglicher Szenarien simuliert wurden.
Auch wenn aus mir letztlich kein Aktuar geworden ist, fand ich es ausgesprochen spannend zu verstehen, auf welchen mathematischen Grundlagen beispielsweise Sterblichkeitsmodelle entwickelt und Versicherungsprämien kalkuliert werden. Dabei beschäftigten wir uns auch mit unterschiedlichen Konzepten wie Value at Risk, dem Petersburger Paradoxon und der Ruintheorie.
Besonders interessant fand ich die Grenzen solcher Modelle. Sie können Wahrscheinlichkeiten und mögliche Entwicklungen abbilden, aber menschliches Verhalten, politische Entscheidungen oder plötzliche Marktreaktionen nur bedingt vorhersehen.
Eine Erkenntnis ist mir bis heute geblieben: Ein mathematisches Modell kann Risiken berechnen – aber niemals sämtliche Unwägbarkeiten der Realität vorhersehen.
Ein Beispiel aus den heutigen Kapitalmärkten: Eine Aktie weist eine außergewöhnlich hohe Leerverkaufsquote auf. Zahlreiche Marktteilnehmer spekulieren auf fallende Kurse und verlassen sich dabei auf ihre Bewertungen, Risikomodelle und Erwartungen.
Doch was passiert, wenn plötzlich eine unerwartete Unternehmensmeldung, eine strategische Partnerschaft oder sogar ein Übernahmeangebot veröffentlicht wird? Beispielsweise steigt die Aktie um über 700 %!
Vor allem, wenn Leerverkäufer gezwungen sind, ihre Positionen einzudecken. Die dadurch entstehende Nachfrage kann einen sogenannten Short Squeeze auslösen und den Aktienkurs innerhalb kürzester Zeit erheblich nach oben treiben. Ich liebe es und ordne die Gier der Geduld unter, denn bei der Betrachtung dieser Wahrscheinlichkeiten kommt der Zeitfaktor hinzu …
Solche Ereignisse lassen sich modellieren und in Szenarien berücksichtigen. Ob, wann und in welchem Ausmaß sie tatsächlich eintreten, bleibt jedoch ungewiss.
Genau das fasziniert mich bis heute an den Kapitalmärkten: Die Mathematik hilft uns, Risiken zu verstehen. Die Realität hält sich aber nicht immer an unsere Modelle.
Vereinfacht gesagt ging es darum, Unsicherheit mathematisch greifbar zu machen: Welche Ereignisse können mit welcher Wahrscheinlichkeit eintreten? Welche Ergebnisse können daraus entstehen? Und welche Risiken lassen sich daraus ableiten?
Aus den simulierten Szenarien entstanden Wahrscheinlichkeitsverteilungen, anhand derer sich unterschiedliche Risiko- und Ergebnissituationen beurteilen ließen.
Wer damals eine seiner Vorlesungen verpasste, hatte allerdings ein echtes Problem. Vieles ließ sich weder in den verfügbaren Lehrbüchern noch über das damalige Internet vernünftig nacharbeiten. Alles war neu, und der Mann sprach so schnell, dass man mit seinen Notizen nicht nachkam. Es gab keine aufgezeichneten Vorlesungen und keine Lektüre zum Nachblättern, um den Stoff anderweitig aufzuholen.
In der Bibliothek konnte man stundenlang nach geeigneter Literatur suchen – und ging am Ende nicht selten genauso schlau wieder hinaus, wie man hineingekommen war.
Und die Kommilitonen? Nun ja, sagen wir es so: Ich konnte niemanden leiden. Irgendwie ging mir jeder auf den Sack oder war mir einfach unsympathisch.
Man merkte schnell, wen das hier überhaupt interessierte und wer sich irgendwie gezwungen fühlte, irgendetwas zu studieren, nur weil er studieren wollte: „Ah, ich bin Student der FH …“
Der Zusammenhalt hatte durchaus seine Grenzen. Jeder war irgendwie auf seinem eigenen Egotrip unterwegs. Zudem herrschte ein ausgeprägtes Konkurrenzdenken, und Wissen wurde nicht geteilt.
Fairerweise muss ich heute allerdings auch zugeben, dass ich damals selbst nicht unbedingt der umgänglichste Mensch war. Ich war ehrgeizig, manchmal ungeduldig und hatte wenig Verständnis für Menschen, die meine Einstellung nicht teilten. Vielleicht lag es also nicht immer nur an den anderen.
Rückblickend war das wohl auch eine Lektion fürs Leben: Nicht jeder, der neben dir sitzt, verfolgt automatisch dieselben Interessen wie du. Und nicht jeder, der freundlich grüßt, hilft dir auch weiter, wenn es darauf ankommt.
Nebenbei: Technisch war das Anfang der 2000er-Jahre durchaus eine Herausforderung. Die Modelle entstanden damals noch weitgehend in Microsoft Excel und liefen auf einem IBM ThinkPad. Eine komplexere Monte-Carlo-Simulation aufzubauen und vollständig durchzurechnen, ohne dass Excel oder gleich der ganze Laptop abstürzte, war manchmal schon ein Erfolg für sich.
Über den E-Commerce machte man sich auch lustig. Beispielsweise kostete die Amazon-Aktie damals zwischen 2002 und 2004 70 Cent oder 2 Dollar. Als die Dotcom-Blase platzte, hieß es auch, dass Amazon es nicht schaffen würde.
Hat mir das alles Spaß gemacht?
Hat es mir Spaß gemacht? Um ehrlich zu sein: Nein. Eigentlich nicht.
Das habe ich aber erst im Hauptstudium bemerkt. Mitten im Studium konnte ich nicht einfach sagen: Ich habe keine Lust, oder: Ich wechsle mal das Fach. Das Vordiplom hatte ich bereits nach zwei Semestern abgeschlossen, und Aufgeben gab es nicht! Also weitermachen.
Rückblickend war das Studium für meine persönliche Entwicklung trotzdem eine ausgesprochen wertvolle Zeit. Ich habe interessante Menschen kennengelernt, meinen Horizont erheblich erweitert und mir eine fachliche Grundlage erarbeitet, von der ich bis heute profitiere.
Aber ich möchte diese Jahre auch nicht im Nachhinein romantisieren.
Ich mochte den Leistungsdruck nicht, ich mochte das teilweise gnadenlose Prüfungssystem nicht und in den Vorlesungen gab es immer weniger Studenten. Manchmal saß man auch alleine oder mit einer weiteren Person vor dem Dozenten, und alles war sehr monoton.
Irgendwann hatte ich allerdings verstanden, dass es nicht darum ging, ob mir das alles gefiel. Ich betrachtete mein Studium zunehmend als eine Pflicht, die ich übernommen hatte und die ich erfolgreich zu Ende bringen wollte.
Vielleicht war genau diese Einstellung am Ende entscheidend: Nicht alles im Leben muss Spaß machen, um einen weiterzubringen. Und manchmal besteht die eigentliche Leistung einfach darin, etwas durchzuziehen, obwohl man längst keine Lust mehr darauf hat.
Kapitalmärkte und Trading
Parallel zum Studium entwickelte sich mein Interesse für Kapital (ich komme selbst aus einer Arbeiterfamilie) und dessen Spielplatz, die Kapitalmärkte.
Viele meiner damaligen Dozenten hatten selbst einen direkten Bezug zur Finanzindustrie und zu den Börsen. Ihre Begeisterung war ansteckend – und natürlich wollte ich irgendwann auch dazugehören.
Die Einführung des Euro als Buchgeld 1999, mit dem heute fast schon historischen Umrechnungskurs von 1 Euro = 1,95583 Deutsche Mark, die Umstellung der Finanzmärkte auf die neue Währung, das Ende des Dotcom-Booms und der anschließende Einbruch der Technologiemärkte fielen genau in diese Zeit.
Finanzminister war damals der Hesse Hans Eichel, und in den Zeitungen sprach man vom „kranken Mann Europas“, also von der deutschen Wirtschaft. Krisen waren mir daher immer ein Begriff. Für mich waren das die ersten intensiven Begegnungen mit der Dynamik der Kapitalmärkte.
Trotzdem begann ich irgendwann, neben dem Studium selbst aktiv zu handeln. Ich legte mir ein Consors-Konto an und zahlte monatlich noch 50 Euro für die Tradingsoftware mit Echtzeit-News.
Ein ganzes Semester handelte ich wie blöd und fing sogar an, kleinere Programme in HTML zu schreiben. Es sammelte sich eine hohe Anzahl an Transaktionen an, und ich begann das System zu verstehen, vor allem, wenn die Amis ihre Börsen eröffneten.
Mein Fokus lag lediglich darauf, auf technische Rebounds zu setzen. Ich konzentrierte mich auf wenige Big Player, deren Kalender ich immer im Blick hatte, nur um nicht überrascht zu werden. Die Börse lernte ich dadurch nicht mehr nur aus Vorlesungen und Lehrbüchern kennen, sondern auch aus eigener Erfahrung.
Und die war nicht immer erfreulich.
Ich war anfangs sehr, sehr erfolgreich und war schon fast dabei, das Studium aufzugeben, bis ich von den Blocktrades überrascht wurde.
Damals war ich regelmäßig mit Calls, leider mit Calls, auf die Deutsche Telekom, WKN 555750, ordentlich investiert. Einige dieser Geschäfte entwickelten sich zunächst erfreulich. Rückblickend hatte ich die tatsächlichen Risiken jedoch nicht immer richtig eingeschätzt.
Wie auch immer: Plötzlich ging es ruckartig runter. Goldman Sachs und Co. verscherbelten umfangreiche Aktienpakete im Rahmen von Blocktrades. Meine bis dahin recht optimistische Rechnung wurde ziemlich gründlich zunichtegemacht.
Innerhalb weniger Tage verlor ich natürlich Geld. Arroganterweise hatte ich keine Limits nach unten gesetzt und zog mich später komplett zurück. Ich hatte ein ganzes Semester Zeit verloren und natürlich auch Geld.
Das eigentlich Ironische daran war, dass ich mich während meines Studiums intensiv mit Risikomanagement beschäftigte und gleichzeitig an der Börse erleben musste, wie schnell die eigenen Annahmen und Erfahrungen über den Haufen geworfen werden können.
Theorie und Praxis waren eben doch zwei verschiedene Dinge.
Das war schmerzhaft, gehörte aber wohl ebenfalls zur Ausbildung. Manche Lektionen an der Börse sind eben deutlich teurer als Studiengebühren.
Ein Satz ist mir aus dieser Zeit besonders in Erinnerung geblieben: „Verluste tun mehr weh, als Gewinne guttun.“
Danach konzentrierte ich mich wieder stärker auf das, was zu dieser Zeit vermutlich ohnehin wichtiger war: mein Studium.
Meinen Frust ließ ich mir möglichst nicht anmerken. Stattdessen setzte ich alles daran, mein Studium erfolgreich abzuschließen. Das war allerdings leichter gesagt als getan.
Ich schlug mich weiter durch, war aber teilweise nicht mehr voll dabei. Ich brachte nur noch ein Mindestmaß an Aufmerksamkeit auf, denn nebenbei fing ich an, meinen Lebenslauf aufzupeppen.
Gegen Ende des Hauptstudiums gab es in meinem Jahrgang gerade einmal acht bis zehn Kommilitonen, und ich fragte mich immer, wieso hier keiner mehr kam. Die Durchfallquote war brutal.
Die Anforderungen wurden von Semester zu Semester höher, die Prüfungen anspruchsvoller und das System zunehmend gnadenlos. Man musste schon nicht wegen fehlender Scheine durchfallen; die Abbrecherquote reichte auch schon aus.
Natürlich gab es auch Professoren, die einem das Studentenleben nicht gerade leichter machten.
Es gab da auch so einen in meinem Fall: Prof. Dr. Rotfuchs aus dem Tal der Pistolengeschichten. Okay, ich war auch frech zu ihm. Als junger, etwas vorlauter Student nahm ich mir irgendwann heraus, ihn vor versammelter Mannschaft wegen eines Rechtschreibfehlers zu korrigieren. Das war witzig. Allerdings nur in diesem einen Moment.
Jedenfalls hatte ich anschließend den Eindruck, dass er sich meine Matrikelnummer ziemlich gut eingeprägt hatte. Allerdings muss ich heute auch zugeben, dass ich ihn ja provoziert hatte.
Mich langweilten manche betriebswirtschaftlichen Aufgabenstellungen, und aus einer gewissen Überheblichkeit heraus begann ich, die Beispiele auf meine ganz eigene Art zu interpretieren. Statt mit klassischen Finanzzahlen zu rechnen, bilanzierte ich eben Kokosnüsse, nahm die Zentralbank einer Bananenrepublik als Beispiel und interpretierte die Rechnungslegung von Rückversicherern anhand von Kokosnüssen und die von Banken mit Bananen sowie mit umgedrehtem Eigenkapital.
Fachlich ließen sich die zugrunde liegenden Vorgehensweisen durchaus auf solche absurden Beispiele übertragen. Ob eine Bank nun mit dieser Währung oder gedanklich mit Bananen rechnet oder wegen Fäulnis Abschreibungen beziehungsweise Wertberichtigungen vornimmt, ändert schließlich nichts daran, dass eine Bilanz aufgehen muss. Selbst in Klausuren konnte ich mir solche Späße nicht verkneifen.
Das war allerdings ein Fehler. Denn spätestens damit war ziemlich eindeutig, von wem diese kreativen Ausführungen stammten.
Ich fiel zweimal durch seine Prüfung. Damals hatte ich den Eindruck, dass meine kleinen Provokationen dabei nicht gerade hilfreich gewesen waren. Beim dritten Versuch ließ ich die Kokosnüsse und Bananen weg, konzentrierte mich auf die eigentlichen Aufgaben und bestand schließlich.
Provokationen und späte Rebellionen fanden einfach keinen Platz. Ich konnte es mir aber nicht verkneifen. Rückblickend war das aber für mich zumindest lustig.
Immerhin habe ich dabei auch etwas gelernt: Fachlich recht zu haben bedeutet noch lange nicht, sich besonders klug zu verhalten.
Am Ende habe ich das Studium trotzdem innerhalb der Regelstudienzeit erfolgreich abgeschlossen. Die übrigen Kommilitonen gingen später zu den Wirtschaftsprüfern und arbeiteten den Dozenten zu. Ich bin heute sehr froh, dass ich dort nicht gelandet bin.
Ich ging über die Empfehlung eines damaligen Commerzbankmitarbeiters ins Ausland. Ich arbeitete damals als Student in der Wilhelmstraße in Wiesbaden und hätte auch dort arbeiten können. Mich zog es aber in die Niederlande und nach Luxemburg.
Erste Berufserfahrungen
Um meinen Lebenslauf schon während des Studiums weiter auszubauen, wechselte ich bewusst zwischen verschiedenen Finanzdienstleistern und sammelte so früh praktische Berufserfahrung. Gleichzeitig bekam ich dadurch Einblicke in die unterschiedlichen Strukturen, Arbeitsweisen und Unternehmenskulturen verschiedener Unternehmen.
Anfangs waren das noch klassische Studentenjobs und Praktika – manche unbezahlt, andere wiederum erstaunlich gut bezahlt.
Mir ging es in dieser Zeit aber vor allem darum, möglichst viel Berufserfahrung zu sammeln, unterschiedliche Unternehmen kennenzulernen und neben der Theorie aus dem Studium auch zu verstehen, wie Unternehmen in der Praxis tatsächlich funktionieren.
Eine Erkenntnis fürs Leben
Unter uns – eine der wichtigsten Erkenntnisse, die ich aus dieser Zeit fürs Leben mitgenommen habe: Fachwissen, Studium und gute Noten sind wichtig. Irgendwann habe ich aber verstanden, dass gerade in der Finanzindustrie etwas anderes viel stärker ins Gewicht fällt, nämlich Networking, Auftreten, Kommunikation und vor allem der Umgang mit Menschen.
Gerade für jemanden wie mich, der aus einer Arbeiterfamilie kam und keinerlei familiäre Verbindungen zur Finanzindustrie hatte, waren solche Kontakte besonders wertvoll. Ich musste mir mein Netzwerk erst aufbauen und lernte dabei, dass Vertrauen, persönliche Empfehlungen und manchmal auch einfach Sympathie Türen öffnen können, die einem sonst verschlossen bleiben.
Beziehungen aufzubauen, Vertrauen zu gewinnen und mit ganz unterschiedlichen Persönlichkeiten umgehen zu können, kann man nur bedingt aus Büchern lernen.
Im späteren Berufsleben hat mir diese Erkenntnis wahrscheinlich mindestens genauso viel gebracht wie manches, was ich während meines Studiums gelernt habe, sowie die Erkenntnis, dass man sich zumindest im Geschäftsleben zweimal sieht!
Ich hatte damals als Vorstandsassistent einer großen Bank in Bad Homburg gearbeitet, und der Vorstand nahm mich zu allen Meetings mit. Es entwickelte sich ein vertrauensvolles Verhältnis.
Für mich stand aber nach drei Monaten fest, dass ich das nicht machen möchte, und ich entschied mich, auszusteigen. Auch die Empfehlung, bei einer internationalen Privatbank anzuheuern, schlug ich aus.
Jahre später treffe ich einen Banker der Deutschen Bank, der mir beim Mittagessen zufällig mitteilt, dass er durch diesen Vorstand zu seinem Job gekommen ist und man heute noch im Austausch steht etc.
Verblüffend, wie engmaschig ein Netzwerk sein kann und wie schnell man sich versteht, wenn man dieselben Verbindungen hat. Man ist sich nicht fremd und agiert schnell auf Augenhöhe.
Einblicke ins Investmentbanking
Ich wollte einen Schritt weiter, nämlich schon als Student in die Königsklasse: ins Investmentbanking.
Damals war das die Liga, in die jeder wollte, zumindest in denen ich mich damals bewegte, und ich bekam die Gelegenheit, an Projekten zur Kapitalbeschaffung verschiedener Finanzkonzerne mitzuwirken – interessanterweise für diejenigen, die sich während der Dotcom-Blase „etwas verspekuliert“ hatten.
Auf Investmentbanking-Seite wurden diese Transaktionen unter anderem von der Commerzbank in London begleitet.
Dadurch bekam ich früh Einblicke in professionelle Finanzierungsstrukturen und lernte Kapitalmärkte nicht nur aus Sicht eines Zeitungslesers oder als Student kennen, sondern nun als Beteiligter, als Mitwirkender bei der Kapitalbeschaffung.
Auch gefiel mir der Ton, der auf dieser Etage gesprochen wurde.
Ich muss erwähnen, dass mich der damalige Direktor der größten Filialniederlassung mochte und mich immer mitgenommen hatte: „Wo ist mein Adjutant, aus dem machen wir einen CoBa-Banker.“
Ich bin heute noch für die damalige Unterstützung sehr dankbar, auch dass mir zu dieser Wirtschaftszeit ein Job in Frankfurt angeboten wurde, aber dazu später.
Interessant waren die Banker aus London.
Sie fielen in erster Linie durch ihren englischen Dresscode auf. Beispielsweise rannten damals viele im Hugo-Boss-Anzug rum. Ich hatte meine von Peek & Cloppenburg. Ich hatte auch nur zwei: einen schwarzen und einen dunkelgrauen.
Aber die Engländer waren immer top gedresst. Das imponierte mir.
Und wenn man mit denen im Raum saß, sprachen sie eine ganz andere Sprache: arrogant, schlagfertig, vulgär, und sie kamen gleich zum Punkt. Ich fand das sehr lustig und prägend.
Bei diesem Projekt gewann man natürlich meine volle Aufmerksamkeit, als ich nach England mitgehen durfte und bei den Meetings vor Ort weitere Kollegen kennenlernen sowie die Vorgehensweise bei der Kapitalbeschaffung für den Vertrieb in Deutschland vertiefen konnte.
Natürlich wusste man, dass ich mein Betriebspraktikum absolvierte und noch nicht ganz sicher war, was ich danach machen sollte. Ich war jung, dynamisch und ambitioniert.
Dort wiederum empfahl mir eine nette Bekanntschaft, für einen englischen Bankkonzern in Luxemburg tätig zu werden. Gleiche Projekte, Player etc.
Das Gute war, dass ich mich nicht bewerben musste und mir gleich in einem Gespräch alle wesentlichen Gehaltskonditionen vermittelt wurden. Ich war selbst überrascht und schlug zu. Auf Frankfurt und Co. hatte ich keine Lust mehr.
Nach meinem Studium konnte ich sodann an meine damaligen Erfahrungen anknüpfen und später bei der nächsten Transaktion eines Finanzkonzerns mitarbeiten, erst als Assistent des Strategievorstands und später des Vorstands für Risikomanagement.
Das war für mich eine völlig neue Welt und gleichzeitig eine unglaublich interessante Erfahrung. Plötzlich arbeitete ich in einem Projektteam mit Beratern und Investmentbankern von McKinsey, Morgan Stanley und Goldman Sachs zusammen.
Mit rund 40 Personen wurden Bücher und Unterlagen geprüft, Zahlen analysiert, Informationen zusammengetragen und die einzelnen Arbeitsschritte koordiniert. Mein eigener Verantwortungsbereich musste im Program Management laufend dokumentiert und aktualisiert werden.
Damit war die Arbeit allerdings keineswegs vorbei.
Auch die anschließende Integration war für mich mindestens genauso interessant. Zum ersten Mal konnte ich unmittelbar miterleben, was nach einer solchen Transaktion tatsächlich passiert – wie aus Due Diligence, Bewertungen, Verträgen und Präsentationen am Ende operative Realität werden muss.
Diese Erfahrung hat meinen Blick auf Unternehmen nachhaltig geprägt. Eine Transaktion auf dem Papier abzuschließen ist das eine. Zwei Organisationen, Prozesse und Menschen anschließend tatsächlich zusammenzubringen, ist noch einmal eine ganz andere Aufgabe.
Gleichzeitig verstand ich damals ziemlich schnell, dass für eine Karriere im klassischen Investmentbanking weit mehr dazugehört als Fachwissen und ein gutes Studium.
Viele, die den direkten Weg in diese Welt fanden, brachten Voraussetzungen mit, die ich schlicht nicht hatte: ein familiäres Netzwerk, das einem früh die richtigen Türen öffnete, Praktika bei großen Investmentbanken – vor allem in den USA –, den Hintergrund einer Eliteuniversität.
Interessant war, dass sich im Ausland niemand für meinen Migrationshintergrund interessierte. Denn in Deutschland bist und bleibst du der Türke, auch wenn du hier geboren bist und nur deutsch denkst und sprichst und mir die Türkei auch nur aus dem Urlaub bekannt ist.
Wie auch immer: Mir war klar, dass ich für den nächsten Sprung eigentlich direkt bei amerikanischen Unternehmen arbeiten sollte oder müsste, aber auf die Vereinigten Staaten hatte ich keine Sympathie. Ich hatte damals große Vorbehalte und wollte nicht dorthin.
Für meine Verhältnisse bin ich dabei erstaunlich weit gekommen und entschied nach Jahren, zurück nach Frankfurt bzw. nach Kronberg zu wechseln.
Für die ganz große Vollblut-Investmentbanking-Karriere reichte es am Ende trotzdem nicht. Vielleicht fehlten mir einige der klassischen Voraussetzungen, vielleicht hätte ich noch ein paar Umwege mehr gehen müssen – und irgendwann lief mir schlicht auch die Zeit davon.
Rückblickend war das aber eine wichtige Erkenntnis. Karrieren entstehen eben nicht nur aus Fachwissen, Studium und guten Leistungen.
Ich hatte trotzdem das große Glück, auf Manager und Führungskräfte zu treffen, die mir schon in jungen Jahren vertraut, mir Verantwortung übertragen und mir Türen geöffnet haben.
Viele meiner damaligen Möglichkeiten verdanke ich Menschen, die mir diese Chancen überhaupt erst gegeben haben. Dafür bin ich ihnen bis heute sehr dankbar.
Mein Haircut: raus aus Finance, rein in den E-Commerce
Mein persönlicher „Haircut“ begann allerdings schon etwas früher – mit einem eigenen, größeren Kapitalanlageinvestment. Damit beschäftigte ich mich erstmals auch außerhalb der Finanzmärkte intensiver mit unternehmerischen Fragestellungen. Auch hatte ich filmreife Gründe, die ich aber ein anderes mal erzählen werde…
Besonders spannend war für mich dabei, dass es mir gelungen war, dieses Projekt praktisch ohne eigenes Kapital auf die Beine zu stellen. Mein eigener finanzieller Einsatz lag bei 0 Euro.
Entscheidend waren vielmehr Kommunikation, Überzeugungskraft und Verhandlungsgeschick. Das wirtschaftliche Ergebnis war für mich erfreulich und zeigte mir, dass sich interessante Möglichkeiten auch ohne größeren eigenen Kapitaleinsatz ergeben können.
Vor allem lernte ich dabei, dass man nicht zwingend viel eigenes Kapital benötigt, um etwas aufzubauen – manchmal sind eine gute Idee, die richtigen Argumente und die Fähigkeit, andere Menschen davon zu überzeugen sowie auf bestehende Netzwerke zurückzugreifen, mindestens genauso wichtig.
Rückblickend war das wohl der Anfang meiner persönlichen und beruflichen Neuorientierung.
Ab 2010 fing ich zudem an, in Mannheim für ein mittelständisches Unternehmen zu arbeiten. Ich hatte, um ganz ehrlich zu sein, keine Ahnung vom Mittelstand und mit dem Handel bisher keine Berührungspunkte.
Amazon war damals eine grüne Wiese: kein vergleichbarer Wettbewerb, keine Chinesen, kein PPC und keine wesentlichen Prozesse.
Statt Kapitalmärkten oder Zeitungslesen standen plötzlich Handelswaren, Content, SEO-Backlinks (damals in Foren schnell erledigt), Google-Algorithmen und GLS-Pakete im Mittelpunkt.
Eines meiner ersten Projekte war beispielsweise floormats.uk. Den Shop hatte ich auf Magento-Basis selbst erstellt und Produkte für den britischen Markt aufgesetzt.
Was ich dabei sehr schnell gelernt habe: Nahezu jedes Produkt hat einen Markt – und manche vermeintlich unspektakulären Produktgruppen kommen auf Absatzmärkte im hohen dreistelligen Millionenbereich. Jedes Produkt hat seine Berechtigung. Unspektakulär? Vielleicht. Aber monetär verdammt wichtig.
Aus solchen vermeintlich unscheinbaren Produkten wiederum ein funktionierendes und skalierbares Geschäft zu machen, entwickelte für mich seinen ganz eigenen Reiz.
Ich erinnere mich noch immer daran, wie plötzlich das Telefon klingelte.
„Hallo?“
Ich meine, ich war alleine im Büro, es war schon spät, und ich hatte den ganzen Tag nicht gesprochen. Plötzlich klingelte das Telefon, und es war ein Kunde aus UK, der wie am Fließband anfing, Fragen über die angebotenen Produkte zu stellen: ob das Whiteboard schnell geliefert werden könne, er bräuchte es etc. Sure …
Ich war überrascht, aber auch glücklich, denn die Bestellungen gingen ein, die Basis wurde aufgebaut. Danach kamen weitere Projekte hinzu, die organisch blendend liefen und bis heute Umsätze generieren.
Nach und nach beschäftigt man sich plötzlich mit Gesprächen mit Lieferanten, Absatzmengen, Containerpreisen, fehlender Ware, Reklamationen, Personal und dem Aufbau eines europaweiten Vertriebs über Online-Marktplätze.
Aufbau und Wachstum
Der Anfang war allerdings alles andere als einfach. Der Aufbau erforderte enorm viel Disziplin, Ausdauer und persönlichen Einsatz.
Arbeitstage hatten selten einen klaren Anfang oder ein klares Ende, und vieles, was vorher selbstverständlich zu meinem Leben gehört hatte, rückte in den Hintergrund.
Während man an der Basis arbeitet, verpasst man natürlich alle Entwicklungen an den Kapitalmärkten. Damit möchte ich sagen, dass wir damals selbst bei Amazon erfolgreich verpennt haben, dort auch zu investieren.
Die Aktie stieg und stieg, genau wie unsere Unternehmensentwicklung.
Auf diesem Weg hatte ich das Glück, von sehr unterschiedlichen Persönlichkeiten lernen zu können, die mich beruflich stark geprägt und mir viel über Handel, Produkte, unternehmerisches Denken und E-Commerce vermittelt haben.
Für das Vertrauen, die gemeinsamen Erfahrungen und vieles, was ich in dieser Zeit lernen durfte, bin ich bis heute sehr dankbar.
Gemeinsam haben wir aufgebaut, viel gelernt und das Unternehmen Schritt für Schritt weiterentwickelt.
Was mit einer kleinen Struktur von gerade einmal drei Mitarbeitern begann, entwickelte sich über die Jahre zu einem E-Commerce-Geschäft mit mehreren hundert Mitarbeitern.
Aus einer überschaubaren Handelsstruktur entstanden internationale Beschaffungs- und Vertriebswege, große Importvolumina, ein umfangreiches, europäisches Marketplace-Geschäft und ein entsprechend hohes Paketversandvolumen.
Heute
Heute bin ich als Geschäftsführer für die Velvet Trading GmbH und die Ost West Handels- und Beratungs GmbH tätig.
Diese Aufgabe bereitet mir nach wie vor sehr viel Freude – vor allem, weil sich der E-Commerce ständig verändert und immer wieder neue Herausforderungen und Möglichkeiten entstehen.
Besonders freut mich, dass wir auch in wirtschaftlich herausfordernden Zeiten weiter wachsen und neue Kolleginnen und Kollegen bei uns begrüßen dürfen – sowohl in der Verwaltung als auch in der Logistik. Jeder Einzelne trägt seinen Teil zu unserer Entwicklung bei. Und gleichzeitig sind wir noch lange nicht am Ende unserer Entwicklung angekommen.
Wenn ich heute zurückblicke, ist vieles anders gekommen, als ich es mir damals vorgestellt hatte. Manche Entscheidungen waren richtig, andere weniger. Ich habe Chancen genutzt, und vor allem eine Menge gelernt.
So, finito, wir landen und ich beende meinen Monolog hier …