Es gibt Menschen, deren Überzeugungen erstaunlich flexibel sind. Sie sprechen von Gerechtigkeit, Moral, Verantwortung und gesellschaftlichen Werten. Sie kritisieren bestehende Verhältnisse, stellen Machtstrukturen infrage und geben sich gerne als Menschen mit festen Prinzipien.
Doch sobald sich ihre persönlichen Lebensumstände verändern, verändern sich häufig auch ihre Überzeugungen. Was gestern noch verwerflich war, wird heute verteidigt. Was sie früher kritisierten, erscheint ihnen plötzlich selbstverständlich. Nicht unbedingt, weil sie neue Erkenntnisse gewonnen haben, sondern weil sie inzwischen selbst davon profitieren.
Diese Menschen gehören im Grunde keinem bestimmten politischen oder gesellschaftlichen Lager an. Sie bilden sich zwar ein, einem Lager anzugehören, doch das ist nichts weiter als eine Selbsttäuschung. Denn ihre Zugehörigkeit beruht nicht auf Überzeugungen, sondern auf Gelegenheiten. Sie stehen nicht für etwas. Sie stehen dort, wo es für sie gerade am vorteilhaftesten ist.
Sie sind dort zu finden, wo sich Vorteile ergeben. Sie passen ihre Haltung den jeweiligen Machtverhältnissen an und verstehen es, sich mit denjenigen gutzustellen, von denen sie sich etwas versprechen.
Sie haben keine wirklichen Wurzeln. Keine innere Verwurzelung in Überzeugungen, keine beständigen Prinzipien, an denen sie sich orientieren. Oder anders ausgedrückt: Ihnen fehlt das Rückgrat, zu einer Haltung zu stehen, sobald diese unbequem wird.
Sie bilden eine wurzellose Clique, deren Zusammenhalt nicht auf gemeinsamen Werten beruht, sondern auf gemeinsamen Interessen.
Heute stehen sie auf dieser Seite, morgen auf der anderen. Nicht weil sie etwas dazugelernt hätten, sondern weil sich die Machtverhältnisse verschoben haben. Lange habe ich mich gefragt, wer diese Menschen eigentlich sind. Heute glaube ich, die Antwort zu kennen. Und ich muss gestehen, dass mich diese Erkenntnis nicht nur enttäuscht, sondern in gewisser Weise sogar beschämt.
Sie sprechen von Moral, solange sie ihnen nützt. Sie berufen sich auf Loyalität, solange sie nichts kostet. Und sie verteidigen Prinzipien, solange diese ihren persönlichen Interessen nicht im Weg stehen.
Ihre einzige wirkliche Konstante ist der eigene Vorteil.
Man könnte sie als Opportunisten bezeichnen. Vielleicht sind sie aber auch Menschen, die gelernt haben, von einem System zu profitieren, ohne sich jemals wirklich mit dessen Werten identifizieren zu müssen. Sie wollen nicht unbedingt dazugehören, um gemeinsam etwas zu erreichen. Sie suchen Strukturen und Menschen, aus denen sie ihren persönlichen Nutzen ziehen können.
Sie verhalten sich wie Parasiten eines Systems, von dessen Substanz sie leben, ohne selbst bereit zu sein, etwas zu dessen Bestand beizutragen. Sie profitieren von der Leistung und der Standfestigkeit anderer, weil ihnen selbst der Mut fehlt, aufrecht zu stehen und einen eigenen Weg zu gehen.
Natürlich darf jeder Mensch seine Meinung ändern. Wer dazulernt, Erfahrungen sammelt und bisherige Ansichten hinterfragt, entwickelt sich weiter. Doch zwischen persönlicher Entwicklung und Opportunismus liegt ein entscheidender Unterschied: Der eine verändert seine Meinung, weil sich seine Erkenntnisse verändert haben. Der andere verändert seine Meinung, weil sich seine Interessen verändert haben.
Ich habe über viele Jahre hinweg solche Menschen selbst kennengelernt, sogar in meinem erweiterten familiären Umfeld. Menschen, die nehmen, ohne darüber nachzudenken, was andere dafür leisten oder aufgeben müssen. Menschen, die ungeniert immer mehr verlangen, die Hilfsbereitschaft anderer bis an ihre Grenzen ausreizen und selbst außergewöhnliche Unterstützung irgendwann als völlig selbstverständlich betrachten.
Was sie gestern noch als großzügige Geste empfunden haben mögen, betrachten sie heute bereits als ihren Anspruch. Und morgen erwarten sie noch mehr. Dabei geht es längst nicht immer um Geld. Es geht auch um Zeit, Energie, Aufmerksamkeit, Unterstützung und die Bereitschaft anderer, Verantwortung zu übernehmen.
Manchmal frage ich mich, woher ein solches Verhalten kommt. Ist es fehlende Bildung? Eine Erziehung, in der nicht vermittelt wurde, dass man nicht nur Rechte, sondern auch Pflichten hat? Mangelnde Selbsteinschätzung, fehlende Selbstreflexion oder die Unfähigkeit, das eigene Verhalten aus der Perspektive anderer Menschen zu betrachten?
Vielleicht ist es ein Anspruchsdenken, das über Jahre gewachsen ist. Vielleicht die Gewohnheit, dass andere immer wieder einspringen, Probleme lösen und Verantwortung übernehmen. Wer nie die Konsequenzen des eigenen Handelns tragen muss, kann irgendwann glauben, andere Menschen seien genau dafür da.
Bildung allein ist dafür jedenfalls keine Erklärung. Es gibt Menschen ohne akademischen Abschluss, die bemerkenswerte Würde und Anständigkeit besitzen. Und es gibt hochgebildete Menschen, denen genau diese Eigenschaften fehlen. Bildung ist nicht mit Charakter gleichzusetzen. Und gesellschaftlicher Status ist kein Beweis für menschliche Größe.
Besonders beschäftigt mich die fehlende Fähigkeit zur Selbstkritik. Wenn irgendwann jemand beginnt, Nein zu sagen, wird aus der bisherigen Selbstverständlichkeit plötzlich eine vermeintliche Ungerechtigkeit. Dann gilt nicht das eigene Verhalten als Problem, sondern derjenige, der nicht länger bereit ist, alles hinzunehmen.
Vielleicht zeigt sich der Charakter eines Menschen nicht daran, wie er sich verhält, solange er etwas bekommt, sondern daran, wie er reagiert, wenn er einmal nichts bekommt.
Diese Erkenntnis hat bei mir über die Jahre etwas verändert. Nicht meine Bereitschaft, anderen Menschen zu helfen. Wohl aber meine Vorstellung davon, wem ich meine Zeit, meine Energie und mein Vertrauen entgegenbringen möchte.
Denn Hilfsbereitschaft ist eine Tugend. Aber sie verpflichtet niemanden dazu, sich dauerhaft ausnutzen zu lassen.
Ich persönlich empfinde für Menschen, die sich auf diese Weise verhalten, keinerlei Sympathie mehr. Auch habe ich längst aufgehört, nach Entschuldigungen für ihr Verhalten zu suchen.
Manchmal frage ich mich, ob solche Menschen überhaupt eine andere Sprache verstehen als die der Konsequenzen. Freundlichkeit wird als Schwäche ausgelegt, Großzügigkeit als Selbstverständlichkeit betrachtet und Geduld als Einladung verstanden, noch mehr zu verlangen.
Vielleicht brauchen solche Menschen keine weiteren Erklärungen, sondern klare Grenzen und die unmissverständliche Erfahrung, dass ihr Verhalten Konsequenzen hat.
Ich bin jedenfalls nicht mehr bereit, ihnen mit jener Nachsicht zu begegnen, die sie über Jahre als selbstverständlich betrachtet haben.
Respekt ist keine Einbahnstraße. Und wer die Grenzen anderer dauerhaft missachtet, darf sich nicht wundern, wenn ihm irgendwann jede Tür verschlossen bleibt.